Hanna Perekhoda: „Der Kampf fĂŒr die Freiheit in der Ukraine ist eng mit dem weltweiten Kampf gegen den Aufstieg faschistischer KrĂ€fte verbunden“

Date of first publication
11/02/2025
Author

Hanna Perekhoda, Francesca Barca, Übersetzung Katja Petrovic

Die ukrainische Historikerin und Aktivistin Hanna Perekhoda beschĂ€ftigt sich seit langem mit der Rolle ihres Landes in der russischen Staatsideologie. In diesem Interview geht sie auf Ansichten und Haltungen ein, welche die Debatten ĂŒber den Ukrainekrieg in Westeuropa prĂ€gen.

Hanna Perekhoda ist Historikerin und Forscherin an der UniversitÀt Lausanne (Institut d'études politiques und Centre d'histoire internationale et d'études politiques de la mondialisation). Sie ist spezialisiert auf das Thema Nationalismus zur Zeit des Russischen Reiches und der Sowjetunion. In ihrer Doktorarbeit untersuchte sie die politischen Strategien der Bolschewiki in der Ukraine ab 1917 und in den 1920er-Jahren. Aktuell beschÀftigt sie sich mit der Entwicklung der Rolle der Ukraine in der russischen Staatsideologie.

Perekhoda ist zudem Mitglied bei Sotsialnyi Rukh (Soziale Bewegung), einer linken Gruppe, die wĂ€hrend der Euromaidan-Proteste von Aktivisten und Gewerkschaften in der Ukraine gegrĂŒndet wurde.

Voxeurop: Es ist nun drei Jahre her, dass Russland die vollstÀndige Invasion der Ukraine begonnen hat. Wie beurteilen Sie die Situation heute?

Hanna Perekhoda: SpĂ€testens seit der RĂŒckkehr Donald Trumps sollte jedem klar sein, dass die ausbleibende Bestrafung Russlands den Aufstieg faschistischer KrĂ€fte in vielen LĂ€ndern unmittelbar fördert. Diese KrĂ€fte arbeiten daran, alle internationalen Strukturen zu zerschlagen, die ihren Interessen im Weg stehen. Der Kampf fĂŒr die Freiheit in der Ukraine ist daher eng mit dem weltweiten Kampf gegen diese zerstörerischen Tendenzen verbunden. Dabei muss jedoch noch einmal klar gesagt werden, dass die Aussichten auf die Befreiung der Ukraine von Minute zu Minute schlechter werden.

Der zunehmende Einfluss von KrĂ€ften, die Autoritarismus und Libertarismus in den USA und in Europa kombinieren, muss sehr ernst genommen werden. Der kapitalistische Kult vom unbegrenzten Wachstum stellt Profit ĂŒber alles: sei es das Leben des Einzelnen oder unsere kollektive Sicherheit. Wenn diese Dynamik nicht unterbrochen wird, hat die Ukraine keine Zukunft, so wie niemand in einer solchen Welt eine Zukunft haben kann.

Ein Teil der Debatte im Westen, vor allem unter den Linken, konzentrierte sich auf die Forderung nach Pazifismus. Auch geht es um die Gefahr, die von rechtsextremen - oder neonazistischen - KrÀften in der Ukraine ausgeht. Was meinen Sie dazu?

Stellen Sie sich vor, Sie schauen aus dem Fenster und werden Zeuge, wie jemand von einem Angreifer geschlagen und vergewaltigt wird. Das Opfer sieht Sie und fleht um Hilfe. Sie könnten ihm helfen, aber Sie entscheiden sich dagegen und lassen es sterben
 Wenn es sich um eine Einzelperson handelt, wird schnell offensichtlich, was Nicht-Handeln fĂŒr fatale Folgen hat. Wenn Sie ihr Nichtstun dann auch noch damit rechtfertigt, dass Sie Pazifist und gegen jede Form von Gewalt sind, wĂŒrde dies als absurd empfunden werden.

Selbst wenn Sie einer Strafe entgingen, wĂŒrde Ihre Haltung als unmoralisch gelten. Daher frage ich mich: Warum wird dies plötzlich akzeptabel, wenn die gleiche Situation eine ganze Gesellschaft betrifft? Wie durch ein Wunder verwandelt sich unterlassene Hilfeleistung dann in Pazifismus und erscheint als legitime moralische Position.

Fakt ist, dass mangelnde UnterstĂŒtzung fĂŒr die Opfer die Angreifer ermutigt. Das ist in jeder Beziehung so, ob innerhalb der Familie, auf institutioneller oder auf professioneller Ebene. Und das gilt auch fĂŒr die internationale Politik. Wenn Sie die Opfer einer militĂ€rischen Aggression im Stich lassen, signalisieren Sie allen Psychopathen in Machtpositionen, dass sie ihre Kriege weiter problemlos rechtfertigen können.

Die Straffreiheit, die denjenigen gewĂ€hrt wird, die auf internationaler BĂŒhne das Recht des StĂ€rkeren propagieren, nĂ€hrt unweigerlich den Aufstieg von KrĂ€ften, die dieselben Prinzipien in ihren LĂ€ndern vertreten. Wie die AfD in Deutschland, der Rassemblement National in Frankreich, Donald Trump in den USA oder Wladimir Putin in Russland teilen sie alle den gleichen Kult der rohen Gewalt - mit anderen Worten: den Faschismus. Letztendlich hat jede noch so weit entfernte Kriegshandlung, wenn sie ungestraft bleibt, Auswirkungen auf uns alle.

Das Argument, die PrĂ€senz von Rechtsextremen in der Ukraine könnte eine Verweigerung von Waffenlieferungen rechtfertigen, beruht auf einem eklatanten Denkfehler. Einem Volk unter diesem Vorwand die Hilfe zu verweigern, bedeutet, eine ganze Gesellschaft fĂŒr eine RealitĂ€t zu bestrafen, die es ĂŒberall gibt. Ja, in der Ukraine gibt es rechtsextreme Gruppen, genau wie in vielen anderen LĂ€ndern auch. Bei den letzten Wahlen vor dem Krieg bekamen sie nicht einmal genug Stimmen, um ins Parlament zu ziehen. In Frankreich und Deutschland gibt es viel einflussreichere rechtsextreme Bewegungen und trotzdem wĂŒrde niemand das Recht dieser LĂ€nder auf Selbstverteidigung im Falle eines Angriffs bestreiten. Ich frage mich, ob diese Haltung nicht vielmehr die westliche Fantasie vom reaktionĂ€ren Osten offenbart? Eine fixe Idee, die selbst dann noch existiert, wenn die westlichen Gesellschaften selbst wieder von Faschisierung bedroht sind und die Linke dem scheinbar nichts entgegenzusetzen hat?

„Ich frage mich, ob diese Haltung nicht vielmehr die westliche Fantasie vom reaktionĂ€ren Osten offenbart?”

Dieses Argument ist umso heuchlerischer, als viele eben dieser linken Stimmen nicht zögern, Widerstandsbewegungen zu unterstĂŒtzen, die mehr als problematische Akteure einschließen. Warum verlangt man von der angegriffenen Ukraine eine blĂŒtenweiße Weste, wenn sie sich verteidigen muss? Das wĂŒrde man doch von keinem anderen Land erwarten!

Unbestreitbar ist, dass der ĂŒber zehn Jahre andauernde Krieg dazu beigetragen hat, nationalistische Diskurse, die zuvor marginal waren, zu stĂ€rken und zu banalisieren. Kriege machen Gesellschaften nicht besser. Waffenlieferungen an die Ukraine wĂŒrden die rechtsextremen KrĂ€fte im Land auch nicht stĂ€rken, sondern schwĂ€chen.

Denn diese Waffen dienen doch in erster Linie dazu, die Gesellschaft als Ganzes gegen die russische Invasion zu verteidigen. Ein Sieg der Ukraine wĂŒrde die Existenz eines Staates ermöglichen, in dem die BĂŒrger frei und auf demokratische Weise ĂŒber ihre Zukunft entscheiden könnten. Umgekehrt stĂ€rkt nichts rechtsextreme Bewegungen oder Terrororganisationen mehr als eine militĂ€rische Besetzung und die damit einhergehenden systematischen UnterdrĂŒckungsmaßnahmen.

Sollte es jedoch zu einem "Frieden" unter russischen Bedingungen in der Ukraine kommen, ist es mehr als wahrscheinlich, dass radikale Gruppen aus dem GefĂŒhl der Ungerechtigkeit Kapital schlagen und schnell auf Kosten der gemĂ€ĂŸigten Akteure erstarken wĂŒrden.

Die Rolle der Sprachen (Ukrainisch und Russisch) ist wichtig, um die oft kĂŒnstlich hochgepeitschten Debatten und Polemiken zu verstehen. Können Sie uns helfen, die Dinge einzuordnen?

Wir mĂŒssen diese Frage in ihrem historischen Kontext betrachten. Seit dem 19. Jahrhundert versucht der russische Staat, die ukrainische Sprache als minderwertige Form des Russischen an den Rand zu drĂ€ngen. Die russischen Eliten waren der Ansicht, dass die Anerkennung einer eigenstĂ€ndigen ukrainischen Sprache die Einheit ihres im Aufbau befindlichen Nationalstaats gefĂ€hrden wĂŒrde. Unter der Sowjetunion wurde das Russische als einzig legitime Sprache der Moderne und des Fortschritts durchgesetzt. Selbst nach der UnabhĂ€ngigkeit der Ukraine von 1991 bestand diese Sprachhierarchie fort.

Bis 2014 war es verpönt, in den GroßstĂ€dten Ukrainisch zu sprechen, wĂ€hrend Russisch weiterhin mit Prestige verbunden war. Die Förderung des Ukrainischen im öffentlichen Raum ist also kein Angriff auf die Russischsprachigen, sondern der Versuch, eine jahrhundertealte Marginalisierung zu beenden. Darin einen Beweis fĂŒr aggressiven Nationalismus zu sehen, bedeutet, den (post-)imperialen Kontext zu ignorieren, der diesen Dynamiken zugrunde liegt - ein Kontext, der fĂŒr diejenigen, die zu den historisch imperialistischen Nationen und nicht zu den kulturell unterdrĂŒckten Gruppen gehören, oft unsichtbar ist.

Die Sprachenfrage wird also instrumentalisiert?

Ja, und wir mĂŒssen verstehen, wie Russland die Sprachenfrage instrumentalisiert hat, um seine Aggressionen gegen die Ukraine zu legitimieren. Als der Kreml 2014 die Krim annektierte und den Krieg im Donbass begann, rechtfertigte er sein Vorgehen damit, dass er die russischsprachige Bevölkerung schĂŒtzen wolle, die angeblich Opfer eines „sprachlichen Genozids” geworden sei. WĂ€hrend die ukrainische und die russische Sprache zuvor im Alltag eher friedlich nebeneinander existierten, hat dieser Einsatz von Sprachfragen als Waffe der politischen Manipulation die Spaltungen verschĂ€rft.

Ich möchte betonen, dass Russisch in der Ukraine zu sprechen nicht bedeutet, prorussisch oder kremlfreundlich zu sein. Man sollte vermeiden, die von der russischen Propaganda aufgezwungene ErzĂ€hlung zu ĂŒbernehmen. Ihr ist jedes Mittel recht, um den Angriff auf souverĂ€ne demokratischer Nachbarstaaten zu legitimieren.

Erst seit der russischen Aggression im Jahr 2014 brach der ukrainische Staat den Status quo der relativen Nichteinmischung in sprachliche Angelegenheiten. 2018 verabschiedete das Parlament ein Gesetz, das die Verwendung der ukrainischen Sprache in den meisten Bereichen des öffentlichen Lebens vorschreibt und Beamte und Personen, die im öffentlichen Sektor arbeiten, dazu verpflichtet, die Sprache zu kennen und sie in ihrer Kommunikation zu verwenden. In den Schulen wurde Ukrainisch zur Pflichtfachsprache. Dies fĂŒhrte aber nicht unbedingt zu radikalen VerĂ€nderungen: Viele Einwohner verwendeten in ihrem Alltag sowohl Ukrainisch als auch Russisch, ganz zu schweigen von denjenigen, die eine Mischung aus beiden Sprachen sprachen.

Der Krieg und die von den Russen begangenen GrĂ€ueltaten haben viele Ukrainer dazu gebracht, nur noch Ukrainisch zu sprechen und diejenigen, die weiterhin „die Sprache der Besatzer“ sprechen, argwöhnisch zu betrachten. Die radikale Ablehnung des Russischen, die 2014 noch nicht existierte, aber von Putin zur Legitimierung der militĂ€rischen Aggression hochgehalten wurde, ist zehn Jahre spĂ€ter zu einer sich selbst erfĂŒllenden Prophezeiung geworden

„Die radikale Ablehnung des Russischen, die 2014 noch nicht existierte, aber von Putin zur Legitimierung der militĂ€rischen Aggression hochgehalten wurde, ist zehn Jahre spĂ€ter zu einer sich selbst erfĂŒllenden Prophezeiung geworden”

Das Problem der Russischsprachigen in der Ukraine ist, dass der Staat, der vorgibt, ihre Sprache zu schĂŒtzen, diese benutzt, um ErzĂ€hlungen zu verbreiten, die das Existenzrecht der Ukraine leugnen. Momentan haben die Russischsprachigen keine Sprecher, die ihre Erfahrungen ausdrĂŒcken können, ohne sie fĂŒr politische Zwecke auszunutzen. Wenn Russland Sprache und Kultur nicht als Mittel zur Expansion einsetzen wĂŒrde und die PrĂ€senz der russischsprachigen Bevölkerung nicht dazu missbraucht wĂŒrde, die politische Vorherrschaft und die militĂ€rische Invasion zu rechtfertigen, wĂŒrde die Koexistenz der beiden Sprachen wahrscheinlich kaum Probleme bereiten.

Gleichzeitig finde ich die selbst ernannte intellektuelle Elite der Ukraine reaktionĂ€r und offen gesagt lĂ€cherlich, wenn sie mit der RealitĂ€t im 19. Jahrhundert kommt, um die heutige IdentitĂ€t des Landes zu definieren. In Wirklichkeit ist es unmöglich, die ukrainische Bevölkerung heute in einen der beiden obskurantistischen Rahmen zu pressen, die ihr zur VerfĂŒgung stehen: den ethnolinguistischen ukrainischen Nationalismus einerseits und den imperialen russischen Nationalismus andererseits.

Vor 2022 gab es noch die Möglichkeit, in der Ukraine eine alternative russischsprachige Kultur aufzubauen. Eine, die nicht von der russischen imperialen Ideologie infiziert ist und nicht von den politischen PrioritĂ€ten des russischen Staates abhĂ€ngt. Die Invasion hat dieses Projekt zunichtegemacht. Putin wird sich wahrscheinlich darĂŒber freuen, denn seine grĂ¶ĂŸte Angst ist nicht eine Ukraine, die alle BrĂŒcken zu den Russen abbricht, sondern eine freie demokratische Ukraine, die mit Russland eine gemeinsame Sprache spricht und die Russen auf diese Weise mit dem Virus der Freiheit infizieren könnte.

Die EuropĂ€ische Union wird von westeuropĂ€ischen Linken und Aktivisten oft als „altmodisch“, „neoliberal“ und „undemokratisch“ wahrgenommen. In Osteuropa hingegen, ob in Moldawien, RumĂ€nien, der Ukraine oder Georgien, stehen die BĂŒrger hinter dieser Idee. Wie lĂ€sst sich dieser Unterschied erklĂ€ren? Was bedeutet die EU fĂŒr Osteuropa und die Ukraine?

Von innen betrachtet kann die EU als ein Projekt wahrgenommen werden, in dem Macht ĂŒber soziale Gerechtigkeit gestellt wird. Eines, in dem Entscheidungen hinter verschlossenen TĂŒren getroffen werden und in dem große WirtschaftsmĂ€chte wie Deutschland ihre Interessen durchsetzen. So betrachtet ist es nicht verwunderlich, dass manche die EU als ein Hindernis betrachten, das es zu beseitigen gilt.

FĂŒr die europĂ€ischen LĂ€nder, die nicht zur EU gehören, und insbesondere fĂŒr die Ukraine, verkörpert sie jedoch etwas anderes. „Europa“ steht in erster Linie fĂŒr eine Sehnsucht, eine Zukunft, in der Rechtsstaatlichkeit, individuelle Freiheiten und ein gewisses Maß an Wohlstand herrschen. FĂŒr WesteuropĂ€er ist es schwer zu verstehen, dass die EU fĂŒr uns eine Alternative zu einem autoritĂ€ren Modell verkörpert, das Russland seinen Nachbarn mit Gewalt aufzwingt.

FĂŒr die BĂŒrger der Union ist die EU also in erster Linie ein Wirtschaftsprojekt. FĂŒr diejenigen, die ihr nicht angehören, ist sie vor allem ein kulturelles und zivilisatorisches Projekt. Ob sie sie nun bewundern oder hassen, außerhalb der EU wird die EuropĂ€ische Union vor allem als politischer Akteur gesehen. Russland ist in dieser Hinsicht ĂŒbrigens ganz klar: Seit mindestens 2013 behandelt Putin die EU nicht mehr als wirtschaftlichen, sondern als geopolitischen und ideologischen Rivalen.

Diese Dimension wurde 2014 noch deutlicher, als manche Ukrainer buchstĂ€blich ihr Leben gaben, um die „europĂ€ische“ Zukunft ihres Landes zu verteidigen. Viele EuropĂ€er betrachteten dies mit UnverstĂ€ndnis, ja sogar mit Herablassung oder Mitleid. Doch fĂŒr diese Demonstranten war „Europa“ kein Wirtschaftsraum, sondern ein Symbol fĂŒr WĂŒrde und Freiheit.

„‘Europa’ steht fĂŒr ein Versprechen von Gerechtigkeit, Demokratie und Emanzipation”

Vielen EuropĂ€ern fĂ€llt es heute schwer noch anzuerkennen, dass hinter der Idee eines politisch geeinten Europas eine Substanz steckt, da die EU durch neoliberale Politik in Verruf geraten ist. Wie jedes aus der Moderne hervorgegangene Projekt trĂ€gt die EuropĂ€ische Union widersprĂŒchliche Tendenzen in sich. Um es mit den Worten des Philosophen und Ökonomen Cornelius Castoriadis zu sagen: Sie trĂ€gt sowohl die unbegrenzte Ausdehnung der rationalen Weltbeherrschung in sich, die sich im Neoliberalismus manifestiert, als auch das Potenzial fĂŒr politische Autonomie und Offenheit, das die Form der Demokratie annimmt.

Welche Tendenz wird sich durchsetzen? Das hĂ€ngt von den politischen KrĂ€ften ab, die in dieses Projekt investieren. Sicher ist jedoch, dass man das Kind mit dem Bade ausschĂŒttet, wenn man bei der legitimen BekĂ€mpfung der neoliberalen EU-Politik auch die Idee eines politisch geeinten Europas aufgibt.

Das klingt paradox...

Ja, aber traurigerweise ist dieser Widerspruch logisch: Das demokratische Potenzial des europĂ€ischen Projekts scheint von außen betrachtet offensichtlicher zu sein. Es ist ein bisschen wie mit Impfstoffen: Je wirksamer sie sind, desto mehr werden sie verunglimpft. In einem Land, das gerade erst Zugang zu Impfungen erhalten hat und in dem Kinder massenhaft an Polio sterben, wĂ€ren Impfgegner absurd. Ebenso erscheinen die EuropĂ€er, die die Idee der europĂ€ischen Einheit scheinbar leichtfertig aufgeben, naiv in den Augen derer, die einer zerstörerischen Armee gegenĂŒberstehen.

Die ukrainischen Linksaktivisten sind jedoch nicht blind, was die wirtschaftlichen RealitĂ€ten in Europa angeht. Sie haben zum Beispiel genau beobachtet, was in Griechenland passiert ist. Aber man muss verstehen: Die Ukraine ist bereits ein sehr neoliberales Land mit rĂ€uberischen Eliten und einem prekĂ€ren Arbeitsrecht. In einigen Bereichen könnte die EU-Gesetzgebung tatsĂ€chlich den Rest an sozialer Absicherung abbauen. In anderen könnte sie jedoch Standards und Regulierungen einfĂŒhren, die es im ungezĂŒgelten Kapitalismus nicht gibt.

FĂŒr die große Mehrheit der Ukrainer spielen solche Details jedoch kaum eine Rolle. „Europa“ steht fĂŒr ein Versprechen von Gerechtigkeit, Demokratie und Emanzipation. Angesichts der russischen Besatzung klammern sich die Ukrainer - genau wie die Georgier - an die einzige Alternative, die es in Europa gibt.

đŸ€ Dieser Artikel wird im Rahmen des Gemeinschaftsprojekts Come Together veröffentlicht

Hanna Perekhoda: „Der Kampf fĂŒr die Freiheit in der Ukraine ist eng mit dem weltweiten Kampf gegen den Aufstieg faschistischer KrĂ€fte verbunden“