Gesellschaft fĂŒr bedrohte Völker (GfbV)
Frauen verschiedener Ethnien - ĂŒber das Leben im "multinationalen" Russland
Am 9. August ist der Tag der indigenen Völker. In Russland gibt es mehr als 40 solcher Völker. Im Laufe der Jahrhunderte wurden sie oft vertrieben, waren mit Verboten und VernachlÀssigung konfrontiert, versuchten aber dennoch, ihre Kultur zu bewahren.
Wir veröffentlichen einen gemeinsamen Text von Werstka, einer unabhĂ€ngigen journalistischen Plattform und dem feministischen Antikriegs-Widerstand (FAW). In diesem Text erzĂ€hlen Frauen verschiedener NationalitĂ€ten aus der Russischen Föderation, wie sie im âmultinationalenâ Russland leben und mit welcher Haltung sie in einem Staat konfrontiert sind, der die Notwendigkeit der âEntnazifizierungâ seiner Nachbarn verkĂŒndet. (Die Namen der Personen und ihre Wohnorte werden aus SicherheitsgrĂŒnden nicht genannt).
âAls Kind wurde ich als schlitzĂ€ugig bezeichnet, als Chinesin.â
Ich bin Burjatin und die russische Gesellschaft betrachtet mich als BĂŒrgerin zweiter Klasse. Weder ich noch meine Vorfahren konnten in Ruhe leben, noch uns als vollwertige BĂŒrger des Landes fĂŒhlen.
Mein UrgroĂvater wurde nach Artikel 58 des Strafgesetzbuchs der RSFSR wegen Panmongolismus (Bewegung zur Vereinigung der mongolischen Völker in einem Staat; Anm. d. Redaktion) verurteilt. Er wurde fĂŒr zehn Jahre in ein Arbeitslager in Kolyma eingesperrt. Deshalb wurde mein GroĂvater in der Schule als âSohn eines Volksfeindesâ beschimpft und angepöbelt. Als Kind nannte man mich eine schlitzĂ€ugige Chinesin und einmal wurde ich in einem Kinderlager blutig geschlagen.
Zum Studieren zog ich nach Moskau. Dort hielten mich Polizeibeamte mehrmals im Monat an, um meine Papiere zu kontrollieren, wobei sie oft eine Bestechung andeuteten. Es ist schwer zu zÀhlen, wie oft ich bei der Anmietung einer Wohnung gescheitert bin.
Unter Stalin wurde die traditionelle burjatische Schrift abgeschafft, erlaubt war nur mehr das lateinische und dann das kyrillische Alphabet. Im 21. Jahrhundert verbot die Föderalversammlung den Völkern Russlands generell die Verwendung anderer Schriften als des Kyrillischen (2002 verabschiedete die Staatsduma ein entsprechendes Gesetz ĂŒber die Sprachen der Völker der Russischen Föderation; Anm. d. Red.).
In Regionen, in denen die meisten Menschen Burjaten sind, ist der Buddhismus weit verbreitet. Die Menschen, die diese Religion  praktizieren, können ihr spirituelles Oberhaupt, den Dalai Lama, nicht in Russland treffen, da die Regierung die Beziehungen zu China nicht beeintrĂ€chtigen will. Die Buddhisten mĂŒssen fĂŒr ihre spirituellen BedĂŒrfnisse nach Riga oder nach Indien fahren.
Die Rechte meines Volkes werden sogar in der GesundheitsfĂŒrsorge verletzt. Ich bin sicher, dass nur wenige Russen wissen, dass Sauerstoffmasken in Russland nur fĂŒr europĂ€ische Gesichter hergestellt werden. Wird eine solche Maske von einem Asiaten benutzt, bleibt ein Spalt auf der Nase, durch den viel Sauerstoff verloren geht. Es hat sich herausgestellt, dass die Patienten aufgrund ihrer âRasseâ keine angemessene medizinische Versorgung erhalten.
Trotz alledem bleiben die Burjaten BĂŒrger Russlands. Sie dienten und dienen in der sowjetischen und russischen Armee und geben ihr Leben fĂŒr einen Staat, der sie diskriminiert und Rassismus zulĂ€sst. Aber jedes Mal, wenn ich ĂŒber die russische Kolonisierung spreche, werde ich mit Dreck ĂŒberschĂŒttet. âSei dankbar, dass du am Leben bist,â ist oft die Antwort.
Und doch spĂŒre ich VerĂ€nderungen. In den letzten Jahren hat das Interesse an unserer nationalen Kultur zugenommen, eine RĂŒckkehr zu unseren Wurzeln. Junge Burjaten und Burjatinnen stellen Fragen zu ihrer ethnischen IdentitĂ€t, sie wollen ihre Muttersprache lernen. Die traditionelle burjatische Kalligraphie wird immer beliebter.
Ich habe den Eindruck, dass die russlĂ€ndische Gesellschaft ihr Einstellung zu ethnischen Fragen, die lange Zeit verboten waren, Ă€ndert. Es besteht die Möglichkeit zum Dialog, zur Reflexion ĂŒber historische Traumata und zur öffentlichen Debatte â unangenehm und schmerzhaft, aber mit dem Potenzial, etwas zum Besseren zu verĂ€ndern.
âEs gibt keine solche NationalitĂ€tâ.
Ich bin im Norden geboren, am WeiĂen Meer. In meinem Heimatland liegt acht Monate im Jahr Schnee und nachts schimmert der Himmel. Wenn meine Mutter mich fĂŒr die Schule fertig machte, sagte sie immer: âKizhaâ (weicher, lockerer Schnee) und zog meine Kapuze tiefer, damit der Schnee nicht zu schnell an meiner MĂŒtze und meinem Schal kleben blieb. Â âAchte auf den Ăberhang.â
Ich fahre seit meiner Kindheit zum Eisfischen und Paddeln und weiĂ, wie man ein Netz webt. In meinen frĂŒhen Jahren gab es immer Schnee und das Meer um mich herum.
Ich bin eine Pomorin. Mein Volk ist den Skandinaviern nÀher als den Russen. Aber man kann den Unterschied nicht sehen, also habe ich nie eine Diskriminierung aufgrund des Aussehens erlebt. Allerdings nannte mich meine Lehrerin in der Grundschule einmal eine Kabeljaufresserin, und dieser Spitzname blieb mir viele Jahre lang erhalten.
Diese VorfĂ€lle waren jedoch EinzelfĂ€lle. Aber auch wenn ich kein direktes Mobbing erlebt habe, so musste ich doch seit meiner Kindheit einen Kampf um meine SelbstidentitĂ€t mit Russland fĂŒhren.
Die Pomoren sind ein nicht anerkanntes Volk. Das Justizministerium hat unsere einzige offizielle Gemeinde 2011 aufgelöst. Viele Menschen denken, dass wir keine eigene Sprache haben, aber das stimmt nicht. Unsere Sprache existiert, sie ist Ă€lter als das literarische Russisch und bildet die Grundlage des modernen Russischen. Sprachwissenschaftler halten sie fĂŒr eine der Ă€ltesten Sprachen. (Es gibt die These, dass der âPomorskaja govorjaâ zusammen mit anderen Sprachen die Grundlage der russischen Sprache bildet. Russische und sowjetische Wissenschaftler haben jedoch lange Zeit die Idee vertreten, dass es sich nur um einen Dialekt des Russischen handelt; Anm. d. Red.).
Uns wird gesagt, dass unsere Kultur russisch sei. Aber kommen Sie in mein Heimatland. Sie können unsere GebĂ€ude nicht mit anderen verwechseln. Probieren Sie unsere Speisen, hören Sie sich unsere MĂ€rchen an, wĂŒnschen Sie sich den GlĂŒcksvogel (die Pomoren hĂ€ngen hölzerne Tauben als Amulette in ihre HĂ€user) und dann sagen Sie Bolschucha, dass sie Russin ist, und versuchen Sie, ihren Platz in der Familie anzugeben (die Pomoren nannten Bolschucha eine Frau, die im Haus blieb, wenn ihr Mann zur See fuhr. SpĂ€ter riefen sie so die Ă€lteste Frau im Haus; Anm. d. Red.). Mal sehen, wo sie dich hinschickt.
Ich habe im Winter geheiratet. Als ich die Dokumente beim Standesamt einreichte, habe ich unter âNationalitĂ€t â Pomorin angegeben. Aber aus irgendeinem Grund stand auf dem Dokument âRussischâ. Die Standesbeamtin hat die Ănderungen selbst vorgenommen. Sie erklĂ€rte, dass es âeine solche NationalitĂ€t nicht gibtâ.
Nach dem Gesetz können die Menschen ihre NationalitĂ€t selbst bestimmen und angeben. In der Praxis ist es jedoch sehr schwierig zu beweisen, dass man âkeine Russinâ ist, wenn man ein slawisches Aussehen hat.
âDu bist keine Russin und kannst doch lesen?â
Ich komme aus Inguschetien, der kleinsten Republik Russlands. Mein ganzes Leben lang bin ich auĂerhalb meiner Heimatregion stĂ€ndig mit Nationalismus konfrontiert worden.
Das erste Mal geschah es jedoch dort, in meinem Heimatland. Unsere Stricklehrerin, eine Russin, erzÀhlte uns, dass russische Kinder das angeblich viel besser können und dass wir nicht annÀhernd so gut sind wie sie. Damals, als Kind, verstand ich nicht, was an diesen russischen Kindern so besonders war, warum sie so unerreichbar waren.
Als ich Ă€lter wurde, wurde mir bewusst, dass ich in Russland ein Mensch zweiter Klasse bin. Ich sah im Internet Nachrichten ĂŒber âKhachsâ, âChurkiâ (Deutsch: Klötzchen), âZugereistenâ, âNeandertalerâ, âTerroristenâ, âvon den Bergen heruntergekommeneâ.
Ein paar Jahre spĂ€ter zog ich in eine andere Stadt, in der meist Russen lebten. Ich bemerkte, dass sie einen unerschĂŒtterlichen Glauben daran hatten, dass Russland ein AufklĂ€rer, ein Befreier, ein williger WohltĂ€ter fĂŒr kleine Nationen sei. Und das, obwohl meine Vorfahren zwischen 1944 und 1958 als Volksfeinde deportiert wurden. Ist es den Russen peinlich, dass es eine solche Episode in der Geschichte ihres Landes gibt? Die meisten Menschen wissen nicht einmal, dass es sie tatsĂ€chlich gab.
DarĂŒber hinaus sind viele davon ĂŒberzeugt, dass die kleinen Republiken, insbesondere die im Kaukasus, ohne âMĂŒtterchen Russlandâ völlig verloren gewesen wĂ€ren und dass alle gewaltsamen Aktionen gegen die Bewohner dieser Republiken notwendig waren.
Es verging kein Monat, in dem ich nicht mit Nationalismus konfrontiert wurde. In einer Warteschlange in einem GeschĂ€ft sagte eine  Àltere Frau ĂŒber mich, âdiese Zugereisten, Churkiâ und versuchte mich wegzuschieben. Oder eine Klassenkameradin wollte mir beweisen, dass die Völker des Kaukasus âgenetischâ weniger entwickelt seien.
Der wahrscheinlich hĂ€ufigste Grund, warum ich mit Nationalismus in BerĂŒhrung gekommen bin, ist meine Liebe zum Lesen. Ein Dutzend Mal haben verschiedene SchĂŒrzenjĂ€ger versucht, ein GesprĂ€ch mit mir zu beginnen mit den Worten: âDu bist keine Russin und du liest? Wie ungewöhnlich!â Wenn ich diese Geschichten erzĂ€hle, mag es einigen so vorkommen, als ob ich ĂŒbertreibe. Aber glauben Sie mir, es gibt keinen Grund, Dinge zu erfinden und zu ĂŒbertreiben, was tatsĂ€chlich stĂ€ndig passiert.
âIch habe nur widerwillig Rollen bekommen, und mein Augenschnitt war fĂŒr das Make-up ânicht passendâ.â
Ich bin 29 Jahre alt und komme aus der Region Astrakhan. Mein Vater ist ein Kasache, ein Einwanderer. Er kam wĂ€hrend der Sowjetzeit hierher. Meine Mutter ist eine Mestizin: Ihre Vorfahren waren Nogaier von der Krim und Karakalpaken. Allerdings sowohl sie als auch ihre Eltern sind als Kasachen registriert. Nach ihrer Aussage lag es daran, dass die Dorfverwaltung, bei der sie registriert waren, sagte: âSchreibt alle als Kasachen auf! Es gibt keinen Grund, hier Minderheiten zu zĂŒchten!â
Mir wurde ein orientalisches Aussehen verpasst, obwohl ich nicht wie eine Vertreterin einer bestimmten Nation aussehe. Ich kannte weder die Sprachen meiner Vorfahren noch meine Religion. Ich wurde im ârussischenâ Geist erzogen. Kein Wunder, denn meine GroĂvĂ€ter waren ihrer Kultur beraubt worden.
Ich habe erst viel spĂ€ter bemerkt, dass ich anders aussehe als andere Kinder. Aber dann hörte ich in der Mittelschule das Wort âKorsatschkaâ. Es war eine typische Beleidigung fĂŒr alle Nicht-Russen im Gebiet Astrachan.
Dann mussten meine Eltern aus beruflichen GrĂŒnden nach Kasachstan ziehen. In jenen Jahren fĂŒhlte ich mich nicht âandersâ und wurde nicht diskriminiert. Aber ich spĂŒrte es wieder, als ich nach der Schule nach Astrachan zurĂŒckkehrte und mich an einem Theaterinstitut einschrieb.
Von meiner Sprechtheaterlehrerin habe ich gehört, dass ich einen âAkzent und Ausspracheâ habe. Das kann eigentlich nicht sein, denn ich bin in Russland aufgewachsen und sprach von Geburt an reinstes Russisch. Die Rollen wurden mir nur widerwillig gegeben, und mein Augenschnitt war fĂŒr das Make-up ânicht passend â.
SpĂ€ter, im Alter von 20 Jahren, entdeckte ich die Religion. Nach einer groĂen UmwĂ€lzung in meinem Leben ging ich in die Kirche und beschloss, mich taufen zu lassen. Ich hatte das GefĂŒhl, dass ich dort wirklich zu Hause war. Dennoch erinnere ich mich, dass mir bei meiner Taufe gesagt wurde: âDu bist jetzt orthodox, und das bedeutet, dass du zu uns gehörst, zu Russenâ. Aber Christus sagte, dass es âweder Griechen noch Judenâ gibt, denn alle Menschen sind gleich.
Seitdem bin ich durch Russland gereist und habe in verschiedenen StĂ€dten gelebt. In einer von ihnen lernte ich meinen zukĂŒnftigen (und jetztigen Ex-) Mann kennen â einen Halb-Russen, Halb-Ukrainer, der ursprĂŒnglich aus Kasachstan stammt. Wir zogen gemeinsam in sein Heimatland. Es zeigte sich, dass auch in Kasachstan Nationalismus und Imperialismus keine Seltenheit sind. Meine orthodoxe Schwiegermutter mochte die ânicht-russischeâ Schwiegertochter nicht â eine âMambetkaâ, wie sie sagte. Sie machte sich Sorgen, wie ihre Enkelkinder aussehen wĂŒrden. Sie fragte mich, ob ich schon einmal verheiratet gewesen sei und ob ich Kinder hĂ€tte. âMan heiratet frĂŒhâ, erklĂ€rte sie und bezog sich dabei offenbar auf Asiaten.
Wir haben uns schlieĂlich scheiden lassen. Jetzt habe ich einen âinternationalenâ Sohn. In Zukunft möchte ich ihn in die Kultur seiner Vorfahren einfĂŒhren, in die kasachische Sprache, in alles, was meinen Vorfahren und mir vorenthalten wurde. SchlieĂlich mussten wir Teil der ârussischen Weltâ sein, um zu ĂŒberleben.
âSie kommen hierher und benehmen sich, als wĂ€ren sie zu Hauseâ.
Mein Vater ist Aserbaidschaner und meine Mutter ist Russin. Ich habe mein Aussehen von meinem Vater geerbt und damit auch die ablehnende Haltung der Russen.
Ich bin in den neunziger Jahren zur Schule gegangen, und damals war es besonders schwierig. Es war ĂŒblich, âNiggerâ fĂŒr alle Probleme verantwortlich zu machen. Ich werde nicht alles aufzĂ€hlen, was meine Klassenkameraden und die Kinder auf dem Hof zu mir gesagt haben. Ich werde Ihnen ein paar Geschichten erzĂ€hlen, die mir besonders im GedĂ€chtnis geblieben sind, wahrscheinlich weil die Teilnehmer Erwachsene waren.
Eines Tages musste ich zum Kinderzahnarzt gehen. Mein Vater kam mit mir und bat darum, von der Arbeit freigestellt zu werden. Da waren wir also und warteten. Der Termin wird verschoben. Papa wird nervös, weil er versprochen hat, zu einer bestimmten Zeit wieder bei der Arbeit zu sein. Eine Frau kommt auf uns zu und bittet uns, sie durchzulassen, weil sie sich mit ihrem Sohn verspĂ€ten werde. Der Vater erklĂ€rte, dass er selbst spĂ€t dran ist. Der Tonfall und der Ausdruck der Frau Ă€nderten sich sofort. âIch verstehe, ihr seid alle so. Sie kommen hierher und verhalten sich, als wĂ€ren sie zu Hauseâ, sagte sie.
Eine andere Erinnerung: Eine Lehrerin fĂŒr Rechtskunde in der Schule initiierte eine Debatte zum Thema interethnische Konflikte. Die meisten Kinder zitierten die Haltung ihrer Eltern und diese Haltung war, gelinde gesagt, unfreundlich. Ich weiĂ noch, wie ich versuchte, nicht zu weinen, aber ich konnte nicht anders. In der Woche vor dieser Lektion wurde meinem Onkel in der U-Bahn-Station Zarizyno der Kopf eingeschlagen, als Skinheads ihn auf dem Markt attackierten. Er ist arbeitsunfĂ€hig.
Je Ă€lter ich wurde, desto leichter fiel es mir, die Angriffe zu ĂŒberleben. Mir ist klar geworden, dass man in manchen FĂ€llen auf sie reagieren muss und manchmal kann man auch punkten. Aber ich musste noch immer angespannt leben und es war, als mĂŒsste ich stĂ€ndig beweisen, dass ich nicht schlechter war als andere.
Ich erinnere mich, dass ich eines Tages, als ich fĂŒnfzehn Jahre alt war, in einer StraĂenbahn fuhr. Ich hatte eine MĂŒtze und einen Schal, die meine Tante fĂŒr mich gestrickt hatte. Ich fĂŒhlte mich so modisch und hĂŒbsch. Ich sehe einen netten Mann in meinem Alter, der mich anschaut und lĂ€chelt. Ich dachte, es sei ein Ausdruck der Freundlichkeit und lĂ€chelte ebenfalls. Als ich aufstand, um an meiner Haltestelle auszusteigen, stand er ebenfalls auf und begann, etwas auf das beschlagene Glas zu malen. Er zeichnete eine geballte Faust mit einem Hakenkreuz darauf.
Jetzt fĂŒhle ich mich freier und hege keinen Groll mehr, ich versuche nicht mehr, irgendetwas zu beweisen. Aber es gibt Situationen, in denen ich nicht weiĂ, wie ich auf das Verhalten anderer reagieren soll. Zum Beispiel, wenn Freunde oder russische Verwandte jemanden im GesprĂ€ch âKhachâ oder âchurkaâ nennen und nicht einmal aufhören, darĂŒber zu reden. Das ist die Norm, es geschieht automatisch.
KĂŒrzlich nahm ich an einem Treffen unserer Gartenbaugenossenschaft teil. Dort kritisierte ich den Vorstand. Die Reaktion der ĂŒbrigen Mitglieder des Vorstandes: âWarum ergreifst du das Wort? Hast du ĂŒberhaupt eine StaatsbĂŒrgerschaft?â
Ich bin in Russland geboren und aufgewachsen. Ich liebe dieses Land. Aber es ist jetzt ein krankes Land, und es war schon krank, bevor dieser Krieg gegen die Ukraine begann. Aber erst jetzt ist es offensichtlich geworden.
Nicht alle Russen sind Imperialisten, nicht alle halten sich fĂŒr auĂergewöhnlich und von Gott auserwĂ€hlt. Wir sollten nicht glauben, dass wir aufgrund der ethnischen Zugehörigkeit eines Menschen alles ĂŒber ihn wissen.