Kollektiv
Ein offener Brief, der unterzeichnet wurde von Daniela Dahn und Konstantin Wecker, fordert den Stopp der Waffenlieferungen an die Ukraine.
Angesichts wachsenden Drucks auf Bundeskanzler Olaf Scholz, der Forderung nach Lieferung schwerer Waffen an die Ukraine nachzukommen, hat sich ein Kreis von Persönlichkeiten aus Wissenschaft, Politik, Kultur und anderen Bereichen der Zivilgesellschaft in einem offenen Brief an den Kanzler gewandt.
Darin fordern sie, die Waffenlieferungen an die ukrainischen Truppen einzustellen und die Regierung in Kiew zu ermutigen, den militĂ€rischen Widerstand â gegen die Zusicherung von Verhandlungen ĂŒber einen Waffenstillstand und eine politische Lösung â zu beenden.
Die UnterzeichnerInnen kritisieren, dass mit der Lieferung von Waffen sich Deutschland und weitere Nato-Staaten de facto zur Kriegspartei gemacht hÀtten und warnen vor einer atomaren Eskalation.
Waffenlieferungen und militĂ€rische UnterstĂŒtzung durch die NATO wĂŒrden den Krieg verlĂ€ngern und eine diplomatische Lösung in weite Ferne rĂŒcken. Der Preis eines lĂ€ngeren militĂ€rischen Widerstands wĂ€ren â unabhĂ€ngig von einem möglichen Erfolg â noch mehr zerstörte StĂ€dte und Dörfer und noch gröĂere Opfer unter der ukrainischen Bevölkerung.
Mit ihrer Initiative wollen die UnterzeichnerInnen auch ein Signal an die Mitglieder des Bundestages senden, die kommende Woche voraussichtlich ĂŒber weitere Waffenlieferungen an die Ukraine beraten werden. In einem geharnischten Schreiben weist der frĂŒhere ukrainische AuĂenminister das Ansinnen der deutschen Briefschreiber zurĂŒck (mehr hier).
Der Offene Brief im Wortlaut:
Sehr geehrter Herr Bundeskanzler Scholz,
wir sind Menschen unterschiedlicher Herkunft, politischer Einstellungen und Positionen gegenĂŒber der Politik der NATO, Russlands und der Bundesregierung. Wir alle verurteilen zutiefst diesen durch nichts zu rechtfertigenden Krieg Russlands in der Ukraine. Uns eint, dass wir gemeinsam vor einer unbeherrschbaren Ausweitung des Krieges mit unabsehbaren Folgen fĂŒr die gesamte Welt warnen und uns gegen eine VerlĂ€ngerung des Krieges und BlutvergieĂens mit Waffenlieferungen einsetzen.
Mit der Lieferung von Waffen haben sich Deutschland und weitere NATO-Staaten de facto zur Kriegspartei gemacht. Und somit ist die Ukraine auch zum Schlachtfeld fĂŒr den sich seit Jahren zuspitzenden Konflikt zwischen der NATO und Russland ĂŒber die Sicherheitsordnung in Europa geworden.
Dieser brutale Krieg mitten in Europa wird auf dem RĂŒcken der ukrainischen Bevölkerung ausgetragen. Der nun entfesselte Wirtschaftskrieg gefĂ€hrdet gleichzeitig die Versorgung der Menschen in Russland und vieler armer LĂ€nder weltweit.
Berichte ĂŒber Kriegsverbrechen hĂ€ufen sich. Auch wenn sie unter den herrschenden Bedingungen schwer zu verifizieren sind, so ist davon auszugehen, dass in diesem Krieg, wie in anderen zuvor, GrĂ€ueltaten begangen werden und die BrutalitĂ€t mit seiner Dauer zunimmt. Ein Grund mehr, ihn rasch zu beenden.
Der Krieg birgt die reale Gefahr einer Ausweitung und nicht mehr zu kontrollierenden militĂ€rischen Eskalation â Ă€hnlich der im Ersten Weltkrieg. Es werden Rote Linien gezogen, die dann von Akteuren und Hasardeuren auf beiden Seiten ĂŒbertreten werden, und die Spirale ist wieder eine Stufe weiter. Wenn Verantwortung tragende Menschen wie Sie, sehr geehrter Herr Bundeskanzler, diese Entwicklung nicht stoppen, steht am Ende wieder der ganz groĂe Krieg. Nur diesmal mit Atomwaffen, weitreichender VerwĂŒstung und dem Ende der menschlichen Zivilisation. Die Vermeidung von immer mehr Opfern, Zerstörungen und einer weiteren gefĂ€hrlichen Eskalation muss daher absoluten Vorrang haben.
Trotz zwischenzeitlicher Erfolgsmeldungen der ukrainischen Armee: Sie ist der russischen weit unterlegen und hat kaum eine Chance, diesen Krieg zu gewinnen. Der Preis eines lĂ€ngeren militĂ€rischen Widerstands wird â unabhĂ€ngig von einem möglichen Erfolg â noch mehr zerstörte StĂ€dte und Dörfer und noch gröĂere Opfer unter der ukrainischen Bevölkerung sein. Waffenlieferungen und militĂ€rische UnterstĂŒtzÂung durch die NATO verlĂ€ngern den Krieg und rĂŒcken eine diplomatische Lösung in weite Ferne.
Es ist richtig, die Forderung âDie Waffen nieder!â in erste Linie an die russische Seite zu stellen. Doch mĂŒssen gleichzeitig weitere Schritte unternommen werden, das BlutvergieĂen und die Vertreibung der Menschen so schnell wie möglich zu beenden.
So bitter das ZurĂŒckweichen vor völkerrechtswidriger Gewalt auch ist, es ist die einzig realistische und humane Alternative zu einem langen zermĂŒrbenden Krieg. Der erste und wichtigste Schritt dazu wĂ€re ein Stopp aller Waffenlieferungen in die Ukraine, verbunden mit einem auszuhandelnden sofortigen Waffenstillstand.
Wir fordern daher die Bundesregierung, die EU- und NATO-Staaten auf, die Waffenlieferungen an die ukrainischen Truppen einzustellen und die Regierung in Kiew zu ermutigen, den militĂ€rÂischen Widerstand â gegen die Zusicherung von Verhandlungen ĂŒber einen Waffenstillstand und eine politische Lösung â zu beenden. Die bereits von PrĂ€sident Selenskyi ins GesprĂ€ch gebrachten Angebote an Moskau â mögliche NeutralitĂ€t, Einigung ĂŒber die Anerkennung der Krim und Referenden ĂŒber den zukĂŒnftigen Status der Donbass-Republiken â bieten dazu eine reelle Chance.
Verhandlungen ĂŒber den raschen RĂŒckzug der russischen Truppen und die Wiederherstellung der territorialen IntegritĂ€t der Ukraine sollten durch eigene VorschlĂ€ge der NATO-Staaten bezĂŒglich berechtigter Sicherheitsinteressen Russlands und seinen Nachbarstaaten unterstĂŒtzt werden.
Um jetzt weitere massive Zerstörungen der StĂ€dte so schnell wie möglich zu stoppen und Waffenstillstandsverhandlungen zu beschleunigen, sollte die Bundesregierung anregen, dass sich die derzeit belagerten, am meisten gefĂ€hrdeten und bisher weitgehend unzerstörten StĂ€dte, wie Kiew, Charkiw und Odessa zu âunverteidigten StĂ€dtenâ gemÀà dem I. Zusatzprotokoll des Genfer Abkommen von 1949 erklĂ€ren. Durch das bereits in der Haager Landkriegsordnung definierte Konzept konnten im Zweiten Weltkrieg zahlreiche StĂ€dte ihre VerwĂŒstung verhindern.
Die vorherrschende Kriegslogik muss durch eine mutige Friedenslogik ersetzt und eine neue europÀische und globale Friedensarchitektur unter Einschluss Russlands und Chinas geschaffen werden. Unser Land darf hier nicht am Rand stehen, sondern muss eine aktive Rolle einnehmen.
Hochachtungsvoll,
PD Dr. Johannes M. Becker, Politologe, ehem. GeschĂ€ftsfĂŒhrer des Zentrums fĂŒrKonfliktforschung in Marburg
Daniela Dahn, Journalistin, Schriftstellerin und Publizistin, Pen-Mitglied
Dr. Rolf Gössner, Rechtsanwalt und Publizist, Internationale Liga fĂŒr Menschenrechte
JĂŒrgen GrĂ€sslin, Bundessprecher DFG-VK und Aktion Aufschrei â Stoppt den Waffenhandel!
Joachim Guilliard, Publizist
Dr. Luc Jochimsen, Journalistin, Fernsehredakteurin, MdB 2005-2013
Christoph KrĂ€mer, Chirurg, Internationale Ărzte fĂŒr die VerhĂŒtung des Atomkrieges IPPNW (deutsche Sektion)
Prof. Dr. Karin Kulow, Politikwissenschaftlerin
Dr. Helmut Lohrer, Arzt, International Councilor, IPPNW (deutsche Sektion)
Prof. Dr. Mohssen Massarrat, Politik- und Wirtschaftswissenschaftler
Dr. Hans Misselwitz, Grundwertekommission der SPD
Ruth Misselwitz, evangelische Theologin, ehem. Vorsitzende von Aktion SĂŒhnezeichenFriedensdienste
Prof. Dr. Norman Paech, Völkerrechtler, ehem. Mitglied des Deutschen Bundestages
Prof. Dr. Werner Ruf, Politikwissenschaftler und Soziologe
Prof. Dr. Gert Sommer, Psychologe, ehem. Direktoriummitglied des Zentrums fĂŒrKonfliktforschung in Marburg
Hans Christoph Graf von Sponeck, ehem. Beigeordneter GeneralsekretÀr der UNO
Dr. Antje Vollmer, ehem. VizeprÀsidentin des Deutschen Bundestages
Konstantin Wecker, Musiker, Komponist und Autor