Der Krieg in der Ukraine – ein Bericht vom Ort des Geschehens

Author
Oksana Dutschak
Date
May 22, 2022

Oksana Dutschak ist eine Sozialwissenschaftlerin aus der Ukraine. Sie berichtet über die aktuelle, sich täglich verändernde Situation in der Ukraine und über lokale Ansätze zur Selbstorganisation, um mit dem Krieg zurechtzukommen. Auf die Frage nach einer transnationalen Friedenspolitik https://www.transnational-strike.info/2022/02/24/no-to-war-for-a-transnational-politics-of-peace/ gibt es ihr zufolge keine einfache Antwort; es ist jedenfalls unumgänglich, die Proteste sowie die grenzüberschreitende Kommunikation aufrechtzuerhalten; gleichzeitig ist ein radikales Überdenken transnationaler Positionen und Aktionsformen erforderlich. Dieses Interview erschien ursprünglich auf der Plattform Transnational Social Strike (TSS) https://www.transnational-strike.info/.Es ist kurz nach Beginn des Kriegs geführt worden. Viele Gedanken der ukrainischen Sozialwissenschaftlerin und Aktivistin sind noch unverändert aktuell und wert, diskutiert zu werden.Oksana Dutschak ist in der sozialistischen Organisation „Sozialnyi Ruch“ (Soziale Bewegung) und war in der Ukraine bei Essential Autonomous Struggles Transnational (E.A.S.T.) https://www.facebook.com/groups/343349476881958 aktiv. Anfang April hat sie die Ukraine verlassen müssen, inzwischen arbeitet sie in Berlin.  (red.)

Wie ist die Lage in der Ukraine derzeit und wie hat die lokale Bevölkerung auf den Ausbruch des Kriegs reagiert?

Die Lage ist äußerst komplex. In den ersten Tagen waren die russischen Streitkräfte anscheinend bemüht, die Zivilbevölkerung zu verschonen. Sie konzentrierten sich auf die Zerstörung der militärischen Infrastruktur des Landes – in der Annahme, die [ukrainische, Anmerkung der Übersetzerin] Regierung und Gesellschaft würden schnell klein beigeben, aber das war eine Illusion.

Ich frage mich, wie naiv die Geheimdienste waren, denn mit dieser Einschätzung lagen sie total daneben. Die Rechnung ist deswegen nicht aufgegangen, weil die [ukrainische, Anm. d. Übers.] Armee und die Menschen vor Ort den Kampf aufgenommen haben. Das gibt zwar Anlass zur Hoffnung, aber die Taktik [der russischen Armee, AdÜ] hat sich dadurch ein für alle Mal dramatisch verändert.

Inzwischen wird auch die Zivilbevölkerung angegriffen. Heute [am 2. März 2022] wurde die Stadt Charkiw schwer bombardiert, wobei insbesondere die Wohnviertel und das Stadtzentrum in Mitleidenschaft gezogen wurden. Wir wissen noch nicht, wie es weitergehen wird.

Die taktische Neuorientierung [der russischen Armee, AdÜ] bedeutet nicht nur, dass man eingesehen hat, dass die ursprüngliche Beurteilung der Lage ein schwerer Fehler war, sondern auch, dass die Zivilbevölkerung von nun an größeren Gefahren ausgesetzt ist.

Ich komme zur Zivilbevölkerung [in der Ukraine]; viele westliche Linke geben der NATO die Schuld, aber de facto hat niemand mehr dazu beigetragen, dass die ukrainische Bevölkerung die NATO unterstützt und einen NATO-Beitritt wünscht, als Russland selbst. Einer aktuellen Umfrage zufolge befürwortet ein Rekordwert von 76 % der Ukrainer:innen einen NATO-Beitritt, was vor allem an einem sprunghaften Anstieg der Zustimmung in den traditionell NATO-skeptischen Ost- und Südregionen [der Ukraine] liegt. Bis vor kurzem hielten nur wenige Menschen die wiederholten Warnungen offizieller Stellen aus den USA und des US-amerikanischen Militärs vor einem russischen Angriff für möglich. Ich selbst konnte mir das bis zuletzt auch nicht vorstellen. Inzwischen muss man davon ausgehen, dass Russland eine Invasion in vollem Umfang zumindest seit einigen Monaten aktiv vorbereitet hat.

Die Bevölkerung ist mittlerweile extrem antirussisch eingestellt. Die Bestrebungen Russlands, seinen Einfluss auf die ganze Ukraine auszuweiten, haben das genaue Gegenteil bewirkt, weil die Menschen heute mehrheitlich eine dezidiert antirussische Haltung einnehmen.

Es sind zwar nicht alle rabiat russlandfeindlich, aber angesichts der aktuellen Entwicklungen, etwa der Luftangriffe auf Charkiw – einer der größten Städte der Ukraine und einer überwiegend russischsprachigen Stadt – fällt es schwer, keine antirussischen Gefühle zu hegen. Der Hass ist allgemein groß, was verständlich ist. Unter diesen Umständen ist es kaum möglich, Russland nicht als Aggressor zu betrachten.

Die ukrainische Linke hat bereits seit längerem darauf hingewiesen, allerdings meist vergeblich, weil ihr niemand Beachtung schenkte. Aktuell erleben wir, wie Russland versucht, seine imperiale Macht wiederherzustellen – mit katastrophalen Folgen für uns, die russische Bevölkerung, die Stabilität der Weltlage und überhaupt.

Ich habe Freunde, die in den angegriffenen Städten geblieben sind, und Verwandte, die nicht weg konnten oder nicht weg wollten. Viele von ihnen bereiten sich auf einen Guerillakampf vor. Hier handelt es sich übrigens um eine weitere grobe Fehleinschätzung der russischen Regierung, denn sie ging von der Annahme aus, dass alle Menschen vor Ort die russischen Soldaten willkommen heißen würden (obwohl ich mir nicht sicher bin, ob man das tatsächlich geglaubt hat). Stattdessen stellen sich Massen von unbewaffneten Zivilisten den Panzern entgegen. Das ist vermutlich ein weiterer Grund, warum Russland seine Taktik geändert hat und zu Luftangriffen auf Zivilisten übergegangen ist. Man will die Bevölkerung demoralisieren, denn Flugzeuge lassen sich nicht durch unbewaffnete Straßensperren aufhalten.

In einigen Fällen greifen Zivilisten die Panzer auch mit Molotow-Cocktails usw. an. Kiew und zahlreiche andere Städte bereiten sich auf einen Guerillakrieg vor. Selbst wenn das Kalkül der russischen Seite aufginge und Russland in der Lage wäre, eine ukrainische Marionettenregierung zu installieren, wäre das Besatzungsregime nicht von langer Dauer, weil es zu einer massiven Eskalation unter Einbeziehung der Zivilbevölkerung käme. Zwar sind dazu nicht alle Menschen bereit, aber in Anbetracht der Ereignisse fällt es schwer, nichts zu tun. Ich vermute, dass die Menschen in vielen Wohnvierteln versuchen würden, friedlichen Widerstand zu leisten. Allerdings ist Widerstand – egal in welcher Form – angesichts der Zerstörung ganzer Städte durch Luftangriffe eher aussichtslos.

Der Ausbruch eines ausgewachsenen Kriegs in der Ukraine ist durch wochenlange Kriegsrhetorik sowohl auf US-amerikanischer als auch auf russischer Seite vorbereitet worden. Welche Position nehmen ukrainische Feminist:innen und die Organisationen der Arbeiterbewegung in der aktuellen Situation ein?

Die Reaktionen der diversen Organisationen sind unterschiedlich. Viele Personen melden sich als Freiwillige, um die Zivilbevölkerung zu unterstützen. Viele organisieren sich selbst, organisieren aus dem Untergrund die Evakuierung von Menschen oder helfen ihnen, einen sicheren Ort zu erreichen. Gleichzeitig unterstützen sie die Menschen, die in den Städten geblieben sind, die nicht weg können oder nicht weg wollen und denen es an Medikamenten oder Lebensmitteln fehlt. Einige Basisinitiativen bereiten sich zudem mehr oder weniger organisiert auf einen Guerillakampf vor.

Viele nutzen ihre Verbindungen ins Ausland, um Menschen bei allfälligen Schwierigkeiten an der Grenze oder bei der Suche nach einer Bleibe in Polen, Rumänien oder Moldawien behilflich zu sein. Diese Art der Vernetzung wird intensiv betrieben. Daran beteiligen sich auch Anarchist:innen, Feminist:innen und linke Organisationen. Das Ausmaß an Selbstorganisation ist hoch, sowohl in Bezug auf die Hilfe für die Zivilbevölkerung als auch hinsichtlich der Vorbereitung auf einen bevorstehenden Truppeneinmarsch in die Städte.

Es kommt vor, dass Menschen an den Grenzen festsitzen und häufig wegen ihrer Hautfarbe diskriminiert werden. Weißt Du mehr darüber?

Das Problem ist mir bekannt – ich weiß allerdings nicht, wie viel System dahinter steckt. Menschenrechtsaktivist:innen haben dieses Thema aufgegriffen und versuchen, eine öffentliche Debatte darüber in Gang zu setzen. Erst kürzlich gab es eine offizielle Reaktion der

Regierung mit der ausdrücklichen Erklärung, dass sie keine Diskriminierung duldet, und mit einem eigenen Online-Formular für ausländische Studierende, um ihnen den Grenzübertritt zu erleichtern.

Mir fällt auf, wie unterschiedlich Europa reagiert. Polen hat als eines der ersten Länder die Grenzen für ukrainische Flüchtlinge geöffnet. Vergleich das bitte mit der Reaktion Polens anlässlich der polnisch-weißrussischen Grenzkrise. Ich betrachte das Problem eher global und aus einer kritischen Perspektive. Natürlich handelt es sich hier um Rassismus. Es geht nicht darum, dass ukrainische Flüchtlinge von einzelnen Ländern besser behandelt werden. Es geht vielmehr darum, dass andere Menschen schlecht behandelt werden. Das sagt einiges über Rassismus aus und darüber, wie unterschiedlich die jeweiligen Herkunftsländer beurteilt werden.

Hast Du Nachrichten von der Grenze? Kennst Du Menschen, denen es gelungen ist, die Grenze zu überschreiten?

Es gibt riesige Menschenmassen, die im Auto oder zu Fuß die Grenze überqueren, was alles andere als einfach ist. Eine Freundin von mir hat das Land verlassen. Sie und ihre drei Kinder haben zwei Tage an der Grenze verbracht. Zum Glück sind sie inzwischen auf der anderen Seite. Die große Zahl an Menschen, die das Land verlassen wollen, stellt freiwillige Helfer:innen vor enorme Probleme. Dennoch bemüht man sich auf beiden Seiten der Grenze um humanitäre Hilfe, weil die Menschen oft keine warme Kleidung haben und die Nächte kalt sind. Es wird also versucht, die Flüchtlinge irgendwo unterzubringen oder ihnen auf andere Art zu helfen. Auf polnischer und moldauischer Seite organisiert man (meist kostenlose) Transportmöglichkeiten für Ukrainer:innen, um sie an Orte zu bringen, wo sie bleiben können, oder in Städte, wo sie Verwandte haben.

Ist es möglich, eine Opposition gegen diesen Krieg aufzubauen, ohne in die Verlegenheit zu geraten, sich zwischen der NATO und Russland entscheiden zu müssen? Ist es möglich, jenseits von nationalistischer Logik und geopolitischen Überlegungen eine transnationale Initiative von Frauen, Migrant:innen und der arbeitenden Bevölkerung ins Leben zu rufen?

Ich habe mit Linken aus anderen Ländern diskutiert und war manchmal überrascht, wie sehr sie davor zurückschrecken, die NATO aus der Verantwortung zu entlassen und wie sie bei jeder Gelegenheit erwähnen, dass „auch die NATO schuld sei“. Es stimmt, dass man bis zu einem gewissen Punkt in der Entwicklung der NATO die Schuld geben konnte, aber für die Bomben, die vom Himmel fallen, ist allein Russland verantwortlich. Hier vor Ort sieht alles anders aus, denn wir erleben hautnah die Folgen des russischen Eingreifens. Die russische Regierung ist nicht bereit, von ihren Plänen abzurücken. Wir können schwer sagen, dass wir hier weder Russland noch die NATO wollen, denn Russland ist in die Ukraine einmarschiert, nicht die NATO. Unsere Städte werden schließlich nicht von der NATO bombardiert.

Daher ist es unmöglich, nicht Partei zu ergreifen. Hier in der Ukraine ist es einfach unvermeidlich, Partei zu ergreifen. Ich rate der west- oder osteuropäischen Linken von einer unparteiischen Haltung ab, denn das hieße, sich die Hände in Unschuld zu waschen.

Ein Freund hat gemeint, dass auch die NATO schuld sei und dass unser Land, sobald alles vorbei ist, extrem nationalistisch und fremdenfeindlich sein wird und eine Reihe anderer Probleme haben wird. Darauf habe ich ihm geantwortet: Das stimmt wahrscheinlich, aber darüber werde ich später nachdenken, wenn die Städte nicht mehr beschossen werden und die russische Armee abgezogen ist, denn momentan können wir diese Probleme nicht lösen. Wir können natürlich darüber diskutieren, aber den Elefanten im Raum können wir nicht ignorieren.

Manche Linke meinen auch, dass eine mögliche Lösung in Verhandlungen und einer Neutralität der Ukraine bestünde. Mir fällt es im Moment allerdings schwer, diesen Standpunkt einzunehmen. Er hat etwas Koloniales an sich, weil er dem Land seine Souveränität abspricht. Es ist schließlich Sache der Bewohner:innen eines Landes, selbst zu entscheiden, was sie tun wollen; das geht jedoch nur, wenn es keinen Krieg gibt. Jedenfalls hat dieser Krieg vielen Ukrainer:innen die Entscheidung abgenommen. Es heißt, man habe immer eine Wahl, aber die meisten Ukrainer:innen haben derzeit keine Wahl.

Wir sind selbst handlungsfähig, auch wenn einige Vertreter:innen der westlichen Linken das in Frage stellen und Handlungsempfehlungen für die Ukrainer:innen abgeben.

Es klingt zwar gut, wenn man beteuert, die Ukraine sollte auf keiner Seite stehen, keinem Block angehören und ihren neutralen Status beibehalten, aber die Geschichte zeigt uns, dass ein neutraler Status etwas für starke Staaten ist, für reiche Staaten, für Staaten, die sich selbst verteidigen können. Die Ukraine war nicht in der Lage, sich gegen den Angriff zu verteidigen; jetzt versucht sie es immerhin, aber ich weiß nicht, wie lange wir noch durchhalten können.

Nach der Annexion der Krim im Jahr 2014 ist es äußerst schwierig, über eine Neutralität der Ukraine zu diskutieren. Die Ukraine hat ihre Atomwaffen aufgegeben und dafür die Garantie für ein unteilbares Territorium erhalten, das von keinem Staat angegriffen werden darf. Diese Sicherheitsgarantie wurde von mehreren Staaten wie den USA, Großbritannien und Russland unterzeichnet, aber im Jahr 2014 setzte sich Russland darüber hinweg. Ich glaube nicht, dass es seither leichter geworden ist, solchen Garantien zu vertrauen. Wir haben schließlich erlebt, dass uns diese Garantie nicht vor der Aggression beschützt hat und dass rechtliche oder sonstige Konsequenzen ausgeblieben sind. Die Verletzung solcher Garantien ist offensichtlich jederzeit möglich.

Ich weiß also nicht, wie wir aktuell dem Dilemma zwischen Russland und der NATO entkommen können. Ich habe im Moment keine Antwort.

Wahrscheinlich sind Dir die verschiedenen Erklärungen gegen den Einmarsch Russlands und zur Unterstützung der ukrainischen Bevölkerung bekannt. Russische Feminist:innen rufen zum Protest gegen Putins Regime und seinen Krieg auf. Sie betrachten diesen Krieg als Fortsetzung des alltäglichen Kriegs gegen Frauen, LGBTQI+ Menschen und all jene, die Putins Regime nicht unterstützen oder offen dagegen rebellieren. Es hat mehrere Demonstrationen und Protestkundgebungen gegen diesen Krieg gegeben, um Putins Verantwortung an verschiedenen Orten in Europa und außerhalb anzuprangern. Was hältst Du von diesen Initiativen? Was kann eine transnationale Friedenspolitik in diesem Moment tun?

Der Druck auf Russland sollte verstärkt werden. Es gibt keine andere Lösung. Die russische Regierung ist definitiv zu weit gegangen. Ich bin unendlich dankbar für die Proteste, die derzeit auf der ganzen Welt stattfinden und Druck auf ihre Regierungen ausüben. Das lässt mich hoffen. Sie unterstützen uns auf humanitärer Ebene, auch wenn militärische Hilfe aktuell ebenfalls wichtig ist. Es ist jedenfalls schwer, in einem Land, das von einem anderen Land überfallen wurde, eine antimilitaristische Position zu vertreten.

Ich bin auch den Menschen in Russland außerordentlich dankbar, die etwas tun. Einige, die dort leben oder ins Ausland gegangen sind, beteiligen sich aktiv an der Organisierung von Protesten in Russland sowie an der Unterstützung von Flüchtlingen aus der Ukraine. Aber auch in anderen Ländern wird zu Protesten aufgerufen, werden Information weitergegeben, wird die Infrastruktur unterstützt usw.

In der Ukraine ist momentan viel davon die Rede, dass ein Aufstand in Russland selbst ein möglicher Ausweg wäre, aber das halte ich für unwahrscheinlich. Leider sind die Zivilgesellschaft und die Selbstorganisation in Russland sowie in vielen anderen Ländern des postsowjetischen Raums und vermutlich auch in der Ukraine zu schwach, um solche Strukturen – noch dazu unter den derzeitigen Bedingungen – von heute auf morgen aufzubauen. Daher kann ich mir nicht vorstellen, wie man Putin von Russland aus aufhalten könnte. Am ehesten würde ich noch, so traurig das auch klingt, auf einen Aufstand der russischen Eliten hoffen: Das könnte – kurzfristig betrachtet – eine entscheidende Wende herbeiführen.

Was sind die dringendsten Probleme, mit denen sich Frauen, die arbeitende Bevölkerung und Migrant:innen, also die Menschen in der Ukraine, jetzt auseinandersetzen müssen?

Vordringlich ist die humanitäre Hilfe, aber es sollte auch politischer Druck ausgeübt werden, selbst wenn man sich davon nicht allzu viel verspricht. Leider ist Widerstand in Russland selbst kaum möglich, weil alles daran gesetzt wird, die Informationskanäle zu blockieren, damit die Menschen nichts mitbekommen. Das ist zwar ein riesiges Problem, aber dagegen können wir nichts tun. Manchmal habe ich das Gefühl, dass innerhalb von Europa eine Art Mauer errichtet wird.

Ich möchte einen weiteren Aspekt ansprechen, der einige linke Initiativen seit kurzem beschäftigt. Wenn wir in die Zukunft blicken, wie auch immer sie aussehen mag, ist eines der vorrangigsten Probleme die ukrainische Auslandsverschuldung. Linken Kreisen zufolge xxxx sollte der IWF die ukrainische Auslandsverschuldung auf jeden Fall streichen, weil wir demnächst alle finanziellen Ressourcen benötigen werden, um das Land wiederaufzubauen und die ukrainische Wirtschaft und Gesellschaft auf unabhängige Füße zu stellen. Ich hoffe, dass diese Forderung, die meines Wissens hier und da bereits zu hören ist, in absehbarer Zeit noch deutlichere Formen annimmt.

Wie kann man der geopolitischen Sichtweise entkommen, die ausschließlich die Interessen von Staaten im Auge hat, während Menschen unter den schlimmsten Folgen politischer Entscheidungen leiden?

Ich stimme voll und ganz zu, dass es gut wäre, dieser Logik zu entkommen, aber wir können die Regierenden leider nicht dazu zwingen, vor allem wenn es sich um autokratische Staaten handelt, wo Entscheidungen im engsten Kreis getroffen werden. Natürlich müssen wir darüber nachdenken, was alles anders sein könnte, aber Fakt ist, dass uns diese Logik jetzt aufgezwungen wird. Man kann diese Analyseebene also nicht verlassen, solange Putin auf dieser Ebene agiert. Seine Entscheidungen und die Entscheidungen der Personen in seinem Umfeld geben die Spielregeln vor. Dieser Logik kann sich man allenfalls in einer Gesellschaft mit einer lebendigen Zivilgesellschaft und mit starken Gewerkschaften entziehen. In einer extrem hierarchischen Gesellschaft, wo die Macht ausschließlich von oben ausgeht und die Bevölkerung so gut wie keinen Einfluss auf politische Vorgänge, Entscheidungen und Weichenstellungen hat, ist diese Analyse-Ebene leider die einzige, die zur Erklärung taugt. Ich fühle mich nicht wohl dabei, in solchen Kategorien zu denken, aber ich weiß auch nicht, in welchen Kategorien ich momentan denken soll. Manche Leute weigern sich überhaupt, darüber nachzudenken. Sie versuchen, Optimismus zu verbreiten, da die ukrainische Bevölkerung sich selber organisiert hat, da sie in den letzten Tagen so aktiv war und Netzwerke der solidarischen Unterstützung aufgebaut hat. Das ist natürlich eminent wichtig, aber ich weiß auch, dass diese Strukturen ohne weiteres zerschlagen werden können, weil wir es mit einem Land zu tun haben, das die Gesprächsebene verlassen hat. Es heißt, dass der russische Staat im Gegensatz zu westlichen Hegemonialmächten nicht auf Soft Power setzt. Ich weiß nicht, ob diese Option je zur Debatte stand, aber zum jetzigen Zeitpunkt ist klar, dass sich Russland einen Dreck darum schert und ausschließlich auf rohe Gewalt setzt.

Wie siehst Du – abgesehen von der konkreten humanitären Hilfe und der weltweiten Solidarität mit den Flüchtlingen, etwa durch die Lieferung von Lebensmitteln, Medikamenten und anderen Gütern – die Rolle der transnationalen Bewegungen für den Frieden bzw. gegen diesen Krieg? Was können wir von einem feministischen, anti-ausbeuterischen, antirassistischen Standpunkt aus noch tun? Wie können wir aktiv werden, um eine Wende herbeizuführen?

Die internationalen Basisbewegungen, die sich für den Frieden einsetzen, haben es derzeit nicht leicht, weil sich die Welt in den Augen vieler, wenn auch nicht aller, mit einem Schlag verändert hat. Einige von uns, Linke, waren zu sehr daran gewöhnt, in einer unipolaren Welt zu leben, aber das ist jetzt vorbei. Im günstigsten Fall wird die Bewegung einige Zeit brauchen, um den theoretischen Rahmen zu überdenken, wie wir die Weltlage im Allgemeinen und die von außen kommende Bedrohung im Besonderen einschätzen sollen, dass die Bedrohungen sich verändert und entwickelt haben, dass die Konfiguration der Realität bereits etwas anders geworden ist. Tun wir das nicht, werden wir auf der Stelle treten. Wenn wir alles richtig machen, wenn wir aus der aktuellen Lage die richtigen Lehren ziehen und wenn die Bewegung auf die Menschen vor Ort hört, dann kann sie ein neues Verständnis der Weltlage und der hiesigen Gefahren für den Frieden entwickeln. Sollte das nicht der Fall sein, dann wird jener Teil der Bewegung, der nichts dazu gelernt hat, mit seinen Stellungnahmen, Aktionen und Protesten keinen konstruktiven Beitrag zum angestrebten Ziel leisten, so bedauerlich das auch ist.

Die transnationale soziale Streikplattform hat eine Erklärung gegen den Krieg verfasst, die zumindest in Europa von vielen Organisationen unterzeichnet wurde. Angestrebt wird eine gemeinsame transnationale Stimme. Glaubst Du, dass dieser Ansatz in die richtige Richtung geht?

Ein solcher Ansatz ist bereits ein Teil des Umdenkens, von dem ich gesprochen habe. Das ist nicht nur für die Bewegung selbst von Bedeutung, sondern auch für unsere Handlungsperspektiven in unmittelbarer Zukunft. Gleichzeitig ist es gefährlich, von einem Frieden um jeden Preis zu sprechen. Wenn wir für die Wiederherstellung des Friedens um jeden Preis eintreten, dann tappen wir in eine gefährliche Falle, denn dann tun wir genau das, was Russland wünscht. Letztendlich wird Russland den Krieg beenden, um Menschenleben zu retten.

Daher kann eine solche Position allenfalls auf äußerst kurze Sicht eine Lösung darstellen, denn sobald Russland hier Fuß fasst, wird es eine ihm genehme Regierung einsetzen – konservativ, reaktionär und unterdrückerisch, so wie bereits jetzt in Russland oder sogar noch schlimmer. Für Menschen wie mich und viele Aktivist:innen, Feminist:innen, Linke, LGBT-Aktivist:innen, Gewerkschafter:innen, Journalist:innen und Oppositionelle hätte das Repressionen zur Folge und würde – aus meiner derzeitigen Sicht – zu einem veritablen Partisanenkrieg führen. Ich fürchte mich vor einem Auseinanderfallen des Landes – begleitet von menschlichem Leid und vielen Toten. Russland marschiert ja nicht deswegen in unser Land ein, um seine aktuelle Politik gegenüber der Ukraine und die jahrelange Praxis im eigenen Land von einem Tag auf den anderen zu ändern. Wer das für möglich hält, würde ebenfalls in eine äußerst gefährliche Falle tappen, auch wenn das manche Leute nicht verstehen.

Aus dem Englischen übersetzt von EF

Oksana Dutschak ist stellvertretende Direktorin des Zentrums für Sozial- und Arbeitsforschung in Kiew. Sie hat am Ihor Sikorsky Kyiv Polytechnic Institute in Soziologie promoviert und ein Masterstudium in Soziologie und Sozialanthropologie an der Central European University in Budapest absolviert. Sie ist Redakteurin der Online-Zeitschrift Spilne Commons. Journal of Social Criticism. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Proteste von Beschäftigten, die Benachteiligung von Frauen und sozioökonomische Ungleichheit.